Ein Europäer unter Arabern

Martin Tiefensee ist mit Leidenschaft Nordfriese. Doch derzeit arbeitet der Kameramann und Sendetechniker als einziger Europäer für die Arab States Broadcasting Union bei den Olympischen Spielen in China.

Wenn in Peking Gold, Silber und Bronze verteilt werden, ist Martin Tiefensee immer hautnah mit dabei. Das hat der “Gelegenheits-Husumer” – sein Vater war beim Bund und brachte Martin im zarten Alter von zwölf Jahren mit in die Storm-Stadt – seiner beruflichen Vielseitigkeit zu verdanken. “Eigentlich wollte ich Tontechniker werden”, sagt der frühere Bassist der norddeutschen Kultband “Lake”. Aber dann wurde eine Art Patchwork daraus. Tiefensee arbeitete als Ton- und Sendetechniker, Cutter, Kameramann.

Damit war er 1988 genau der richtige Mann, als die Friedrich-Ebert-Stiftung Fachleute suchte, um afrikanischen Fernsehsendern beim Aufbau einer Dachorganisation nach europäischem Vorbild zu helfen. Die Gründung einer African Broadcasting Union sollte vor allem dem internationalen Nachrichtenaustausch dienen “und die journalistische Selbstständigkeit der afrikanischen Sender erhöhen”, blickt Tiefensee zurück. Dem Team, das sich noch im gleichen Jahr auf den Weg machte, gehörten neben ihm zahlreiche Top-Journalisten – unter anderem von der ARD-Tagesschau – an. Und die wurden ganz schön herumgereicht: Seychellen, Ghana, Namibia, Mauritius, Ägypten – Bedarf gab es mehr als genug, “wobei die Technik-Freaks immer gleich an mir hingen”.

Beim Ramadan mitgefastet

Nach Afrika ging es dann mit gleichem Ziel in den arabischen Raum. “Auch dort war es wichtig, das Bewusstsein für Themen zu wecken, ohne politisch Einfluss zu nehmen”, sagt Tiefensee, der sich sehr weitgehend auf das arabische Leben und seine Kultur einließ. “Ich habe beim Ramadan mitgefastet”, erklärt er. “Das hat die Leute schwer beeindruckt.” Mehr noch: Auch als das Projekt 2000 auslief, hielt die Arab States Broadcasting Union (ASBU) an ihm fest. “Es gibt da sehr viele Vorurteile”, sagt Tiefensee – besonders nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center vom 11. September 2001. Immer wieder werde er ungläubig angeschaut, wenn er sage, für wen er arbeite. “Aber die Leute sind sehr offen und wissbegierig. Und sie sehen in einer freien Presse eine große Chance. Außerdem bin ich kein Tourist.” Palästina, Gaza, Westbank, Algerien, Tunesien, Sudan, Libanon oder Kuwait – “als dort infolge des ersten Golfkrieges noch über 100 Ölquellen brannten”: Überall hat Tiefensee mit den arabischen Kollegen gedreht.

Für alle arabischen Länder berichtet – nur das zählt

Doch so sehr sich die Sender auch bemühten – bei Olympia oder Fußballweltmeisterschaften blieb ihnen nur der Blick in die Röhre. “Die hatten nicht das Geld, um die Fernsehrechte zu kaufen”, sagt Tiefensee und half auch hier. Erstmals ging die ASBU 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona auf Sendung. Das Team bestand aus zwei Deutschen und zehn Arabern. “Alles war sehr provisorisch und spartanisch”, erinnert sich der Husumer. “Da haben wir die Kabel noch selbst verlötet und erst mal Uhren gekauft, damit wir auch sehen, wann die Sendung beginnt” – aber für die gesamte arabische Welt berichtet, und nur das zählt.

Sendungen werden nachts ausgestrahlt

2004 in Athen bestand die Mannschaft dann schon aus 117 Leuten mit eigener Satellitentechnik und fünf Programmen, die zusammen 20 Stunden berichteten. Und jetzt in Peking ist Tiefensee sozusagen der letzte Mohikaner unter lauter Arabern. Toll: China, wer kommt da schon hin, hätten ihn viele vor dem Abflug beneidet. Aber viel bekommt er von Land und Leuten nicht zu sehen. Wegen der Zeitverschiebung werden die Studio-Sendungen erst nachts ausgestrahlt. Und weil sich das Technik-Team seit 2004 nicht vergrößert hat, will Langeweile erst gar nicht aufkommen. Tiefensee nimmt es olympisch: “Dabei sein ist alles”, sagt er und freut sich mit den Kollegen über das erste “arabische Gold” für den Schwimmer Oussama Mellouli, der die 1500 Meter Freistil gegen den favorisierten Australier Grant Hackett für sich entschied. “So kann es weitergehen.”

In der Hand musilimischer Putschisten

Bei seiner Arbeit für die ASBU hat Martin Tiefensee so manche heikle Situation erlebt. Doch in Port of Spain, der Hauptstadt von  Trinidad-Tobego, ist ihm das Herz ganz tief in die Hose gerutscht.  Es war am fünften Tag des Trainings „und ich wollte noch mal ins Studio, um etwas zu schneiden“, erinnert er sich. Da war mit einem Mal Gewehrfeuer zu hören „und dann sahen wir, wie etwa 80 Putschisten schwer bewaffnet den Sender  stürmten“.   Es handelte sich um eine muslimische Gruppe, die bereits  das Parlament überfallen und Politiker als Geißeln genommen hatte. „Das wollten sie jetzt über den Sender ins Land hinausposaunen. Deshalb nahmen sie auch uns als Geißeln.“ Erst  Stunden später fiel ihnen dann auf, „dass mein Kollege und ich anders aussahen als die anderen und sie fragten, wo wir herkämen. Danach wurden wir freigelassen.“ Zum Nachdenken blieb allerdings keine Zeit: „Wir mussten weiter nach Kuwait, wo der erste Golfkrieg tobte.“


Advertisements

Leave a comment

No comments yet.

Comments RSS TrackBack Identifier URI

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s